Roman mit Navi
26. May 2008Der Autor Christoph Benda kartographiert seinen Roman “Senghar on the Rocks” online wie mit einem Navigationsgerät. Leider ist sie Qualität der Google-Maps von Dakar nicht immer gut.
Der Autor Christoph Benda kartographiert seinen Roman “Senghar on the Rocks” online wie mit einem Navigationsgerät. Leider ist sie Qualität der Google-Maps von Dakar nicht immer gut.
Freitag, 14. August 1981. Hellblau liegt das Eis in der Nacht. Am vierten Tag nach dem Auslaufen aus dem Adventfjord, auf 80°05′98″ nördlicher Breite und 14°28′19″ östlicher Länge, schlagen die ersten Schollen gegen das Schiff – ein endloses von spiegelglatten Kanälen, Seen und Tümpeln zerrissenes Treibeisfeld. (aus Christoph Ransmayrs Roman “Die Schrecken des Eises und der Finsternis”)
War es Arved Fuchs oder Reinhold Messner – einer der beiden fragte nach Lesen des Romans sinngemäß: “Wie kann man die Spur eines Polarfuchses im Eis nur so detailgetreu beschreiben, ohne dort gewesen zu sein?” Ransmayr ist für seine genauen historischen wie ortsbezogenen Recherchen bekannt. Durch die akribische Arbeit ist es gelungen, den Leser mit ein eine ferne Landschaft zu nehmen. Das Buch sei speziell für kommende heiße Sommertage empfohlen.
Der Kulturtheoretiker H.-J. Heinrichs – nachdem er einige Handlungsorte der Weltliteratur, z.B. Oran, Honfleur aufzählte:
“Sind die Werke der poetischen Geographie nicht die wahrhaftigeren Zeugen der Wirklichkeit und sind sie nicht genauer als Atlanten und Globen?“.

Oran (Algerien), Schauplatz des Romans “Die Pest” von A. Camus. (Bildquelle: Wikipedia.de)
Die Stadt Dublin ist der kontinuierliche Held in den Werken von James Joyce. Wie erklärt sich diese zähe Bindung, immerhin verbrachte er 2/3 seines Lebens im freiwilligen Exil (Triest, Zürich, Paris, Rom).
Aleida Assman gibt in dem Band drei Antworten:
1. Dublin ist Schauplatz seiner familiären Lebensgeschichte und damit die Stadt seines Erfahrungs- und Wissensschatzes.
2. Joyce ist Exilautor. Er verlies Irland aufgrund seiner Familie, Provinzialismus, Katholizismus & Nationalismus, hat sich aber geistig und emotional keinen Schritt entfernt. Es entstand ein ambivalentes Verhältnis von räumlicher Ferne und emotionaler Nähe.
3. Dublin ist kein Zentrum, wohl aber ein Mikrokosmos, der die Welt im kleinen abbildet. Joyce war der Überzeugung, dass der Weg zum Universalen über das Lokale und Nationale führt. Er sagte einmal: “Was mich anbetrifft, ich schreibe immer über Dublin, denn wenn ich zum Herzen von Dublin vordringen kann, kann ich auch zum Herzen aller Städte der Welt vordringen. Im Besonderen ist das Allgemeine enthalten.”

Heute wollen wir auf eine Reihe von Lesungen in Hamburg aufmerksam machen. Diese bilden ein Netzwerk mit spezifischen literarischen Bezügen und “verleihen dem nüchternen Stadtplan auf diese Weise topographische Poesie.”
Programm
Die Literatur hat einige fiktive Orte hervorgebracht. 1946 fertigte William Faulkner die Karte seines fiktiven Landkreises “Yoknapatawpha County” an, der Schauplatz mehrerer Kurzgeschichten und Romane ist. Zum Thema “Fiktive Bauten und Städte in der Literatur” gibt es jetzt die Ausstellung in der Pinakothek der Moderne in München.
Faulkners Yoknapatawpha County (Bildquelle)
“Er war ein Zauberer seiner Zunft und gehörte zu den Autoren, die einem Ort eine bestimmte Magie verleihen, indem sie ihn zum Schauplatz seiner Erzählungen machen. Ein Ort, den ein solcher Autor (…) beschreibt, verliert seine Zauberkraft nie wieder, selbst wenn die Realität das Bild verändert. Bücher haben die Macht, einen ganz gewöhnlichen Ort mit der Aura des Besonderen zu umgeben.”
Paul Theroux über Robert Louis Stevenson; hier gefunden.
Es ist eine gute Vorstellung, jetzt den Krummbach entlang zu wandern und sich im Hirschwirt in Unterjoch aufzuwärmen für das nächste, doppelt so weite Wegstück, mit einer Brotsuppe und einem halben Liter Tiroler.
Es ist schon sehr konsequent, W.G. Sebald mit einem Wanderweg zu ehren.
Franz Kafka hat nie amerikanischen Boden betreten. Seinem Roman “Amerika” (Text) liegt nur ein literarisches Phantombild New Yorks zugrunde. Entstanden ist ein fiktiver Handlungsort mit realem Namen. Er beschreibt bspw. eine Brücke über dem Hudson, der New York mit Boston verbindet. Es gab Ausgaben, in denen sein Herausgeber und Freund Max Brod diese geographische Unmöglichkeit stillschweigend korrigierte (East River). Aber vielleicht sollte Kafka auch nie selbst in New York gewesen sein, um sie als überhöhte Riesen-Kapitale der modern times beschreiben zu können.
